Langsam beugt sich der weise ältere Herr ein kleinen Stückchen herab. “Du mußt noch viel lernen.”, sagt er zu dem 17jährigen Mädchen, das ihn verschreckt aus großen Augen anschaut.
Natürlich stimmt das. Doch vergisst er dabei, dass er noch genau so viel lernen muß, wie das junge Mädchen zu dem er spricht. Jeder Mensch hat immer gleich viel zu lernen. Die Menge des möglichen Wissens ist unendlich. Daran ändert auch nichts, wenn wir eine Kleinigkeit (und mehr erreichen wir auch mit größter Anstrengung und bei maximaler Bemühung nicht) dazu lernen.
∞ - 1 = ∞
(lies: Unendlich minus eins gleich unendlich)
Oder wie Kafka es so schön in einem Aphorismus ausgedrückt hat:
“Der Weg ist unendlich, da ist nichts abzuziehn, nichts zuzugeben und doch hält doch jeder noch seine eigene kindliche Elle daran.
»Gewiß auch diese Elle Wegs mußt Du noch gehn, es wird Dir nicht vergessen werden.«”
Welche Erkenntnis bleibt uns in diesem Zusammenhang noch, außer der obligatorischen “Ich weiß, dass ich nichts weiß.”. Wünschenswert wäre die Erkenntnis des älteren Herrn, dass diese junge Ding, auf das er da hinab schaut, Dinge erlebt hat die seinem Erfahrungsschatz für immer fehlen werden. Schön wäre auch ein anderes menschliches Miteinander und ein kleines Bisschen Demut (vielleicht).
Und das Mädchen schaut auf zu diesem alten Mann und sieht in seinen Augen keine Tiefe und keine Weisheit, sondern nur Altersstarrsinn und Überheblichkeit. “Zu sein wie du, dass will ich gar nicht lernen”, denkt sie bei sich und geht ihres Weges.