Dieses Buch war keine Axt für das gefrorene Meer in mir. Aber es beschreibt sehr gut die gefrorene Landschaft, in der ich mich jeden Tag bewege.
Carson McCullers lässt diese Geschichte um einen Taubstumme Mann namens Singer kreisen. Die Perspektive wechselt jedoch immer wieder zu anderen Personen, die auf verschiedene Weise Kontakt zu Singer oder auch untereinander haben.
Ende der 30er Jahre in einer kleinen Stadt in den Südstaaten der USA gibt es sehr unterschiedliche Lebenswelten. Die Armut, Krankheit und Unterdrückung der Arbeiter, die in den Fabriken arbeiten (und oft auch sterben). Den Luxus der reichen in ihren Villen. Die bescheidene Zufriedenheit des schwarzen Hausmädchens. Doch manche sehen über die Grenzen dieser Mikrokosmen hinweg oder fühlen anders, als die Menschen in Ihrem Umfeld.
Besonders bewegt haben mich von diesen Menschen der schwarze Arzt Benedict Copeland und das Mädchen Mick Kelly.
Dr. Copeland ist einer der wenigen gebildeten schwarzen in dieser Stadt. Er hat hohe Ziele für seine “Rasse” und möchte etwas ändern, etwas bewegen. Er wünscht sich Freiheit, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Einen seiner Söhne nennt er denn auch Karl Marx und setzt seine Hoffnung in seine Kinder: Sie sollen seinen Traum leben. Doch seine Kinder sind nicht wie er und entgleiten ihm. Seine Tochter wird Hausmädchen und ist damit zufrieden einer weißen Familie zu dienen. Einer seiner Söhne gerät ins Gefängnis und wird dort verstümmelt.
Sein ganzes Leben lang versucht Dr. Copeland die schwarzen nicht nur zu heilen, sondern auch aufzuklären. Doch als er alt und krank seinen Beruf aufgeben muss, hat sich von seinem großen Traum praktisch nichts erfüllt.
Für mich war es dabei sehr interessant die Lebenswelt der schwarzen in den 30er Jahren sehr eindringlich und sowohl aus der Perspektive eines schwarzen, als auch aus der Perspektive der weißen um ihn kennen zu lernen. Natürlich wusste ich, dass schwarze im Bus nur hinten stehen durften und auf vielfache Art ausgegrenzt wurden. Aber so direkt, so persönlich von einer Zeitzeugin (das Buch erschien 1940) geschildert hatte ich es noch nicht erlebt. In Erinnerung bleiben wird mir z.B. die Szene, in der Dr. Copeland sich eine Zigarette anzünden will und der zufällig vorbeikommende Singer ihm Feuer gibt. Eine alltägliche Begebenheit, die aber in den 30ern etwas so besonderes ist, dass Dr. Copeland ab dem Zeitpunkt davon überzeugt ist Singer sei nicht wie die anderen weißen.
Die zweite für mich wichtige Person ist Mick Kelley, ein 13jähriges Mädchen. Sie wächst in einer relativ großen Famile der unteren Mittelschicht auf. Anders als die anderen ist sie durch eine besondere Begabung. Heimlich hört sie durch das offene Fenster einer anderen Familie klassische Musik, die sie nicht mehr loslässt. Mick versucht sich selbst eine Geige zu bauen, lernt Noten zu lesen und schreibt eigene Musik. Doch in Ihrer Familie merkt niemand etwas von ihrer außergewöhnlichen Begabung. Nur Singer erzählt sie davon.
Schriftstellerisch ist das Buch sehr gut. Die Sprache ist schön und klar und den erzählten Geschichten angemessen. Wie McCullers am Anfang immer wieder die Sichtweise auf einen neuen Protagonisten schwenkt und damit trotzdem die gesamte Geschichte weiter treibt bis sie dann anfängt engere Kreise um die Gruppe zu ziehen und die Handlungsstränge immer weiter zusammenführt, hat mich sehr fasziniert. Die Charaktere entwickeln sich realistisch und ohne erzählerische Brecheisen. Schon ab der ersten Seite wird man hinein gezogen und es macht einfach nur Spaß zu lesen.
Dabei bleibt es allerdings die meiste Zeit eine schön erzählte Geschichte. Die echte Tiefe, das aufwühlende habe ich vermisst. Die Geschichte ist schön und traurig, man liest sie gerne; man möchte einen Teil des Weges mit diesen Personen gehen. Doch am Ende bleiben “nur” Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Zeit.
Fazit: Das Herz ist ein einsamer Jäger ist ein schriftstellerisch wundervolles Buch, das sich hervorragend z.B. als Urlaubslektüre, oder für Nachmittage im Park eignet. Auch für angehende Schriftsteller extrem empfehlenswert.
Infos:
Die mir vorliegende Ausgabe ist erschienen bei Diogenes (1974). Das Frontcover ist ein Gemälde von Edward Hopper mit dem Titel “Automat”.
Informationen zur Autorin Carson McCullers:
- bei Wikipedia
- beim Diogenes Verlag
- ausführlicher bei der englischen Wikipedia
- bei Meyers Lexikon online
- ein Bild der Autorin bei Wikipedia Commons
- auf englisch beim Carson McCullers Project
Informationen zum Buch beim Diogenes Verlag.
Weitere Rezensionen:
- Elke Heidenreich beschreibt es bei FAZ.net als ihr Lieblingsbuch
- Wikipedia hat Inhaltsangaben der einzelnen Kapitel
- bei Dieter Wunderlich
- bei Leselust
- bei Lesekost
- und bei Büchereule.de