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Bücher, Kultur, Kunst, Anarchie
und so Zeug halt

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  • […] Buch war keine Axt für das gefrorene Meer in mir. Aber es beschreibt sehr gut die gefrorene  Landschaft, in der ich mich jeden […]

  • […] Rudolf Kunze hat 2005 das Kafka Zitat “Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns” in einem Lied verwendet und abgewandelt: “Seine Bilder sind scharf geschliffne […]

  • Manfred Stangl am 10. November 2015 um 15:11

    Ein Blatt ganzheitliche Ästhetik
    v. Manfred Stangl

    „Ein Buch muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, definiert Frank Kafka zu Beginn der Moderne wortgewaltig Literatur. Ich schrieb dazu vor einigen Jahren, dass Elfriede Jelinek Literatur eher als Schneeschaufel gebraucht, mit der sie scharrend und ächzend den Firn auf dem Eis zusammenkratzt, daraus ein Iglu baut, in dem hübsch kühl eingerichtet es sich beinahe behaglich wohnen ließe. Diese Zeilen – mitsamt einigen ähnlichen kritischen Aussagen zur modernen und postmodernen Literatur (bzw. Büchern) – beförderten meinen Rauswurf aus einer Gegenwarts-Literaturzeitschrift, und begründeten indirekt das Pappelblatt.
    Mittlerweile scheinen Bücher wieder zu Äxten gegossen zu sein: Mit denen die AutorInnen Gliedmaßen abhacken, Köpfe zerschmettern, Leichen zerstückeln, und die Masse an Krimi-„Literatur“ hervorstampfen, die sich wie eine eisige Flut über uns Leser ergießt.
    Mein Vorwurf gegen Jelinek bezog sich weniger auf die Ära der Klavierspielerin, die ich für wirklich gelungene Kunst halte, in der Verdrängtes und Verheimlichtes ans Tageslicht gehoben wird. Zumal mit bitterer Ironie fein gewürzt. Wo der Schmerzensschrei aber Gestus wird und den tiefer sitzenden Grund für die Verzweiflung schrill übertönt, ist Literatur bloßes Theater, das zur Selbstinszenierung dient, nicht aber der Wahrheitsfindung.
    Mittlerweile läufts noch flacher. Die Axt wurde zu einem Paar Schlittschuhen umgegossen, mittels denen der Autor/die Autorin souverän auf dem Eis tanzt. Pirouette um Pirouette dreht, hoch in die Luft springt, elegant sich aufs Eis fallen lässt – stets eingedenk dessen, wie er bewundernde Blicke und Rezensionen dafür erntet; vielleicht amüsiert uns seine Kunst, möglicherweise bewundern wir Eloquenz und Wortwitz, aber das Schauspiel wird schnöd auf der Oberfläche des Eises abgefeiert. Die Komödie amüsiert, den Gauklern sei mit Applaus und einigen Kreuzern gedankt, und dann seien sie frohgemut und einem verstohlenen Griff an die Gesäßtasche, ob wohl das Börserl noch an seinem Platz steckt, nachhause entlassen.
    Mich verschlug es kürzlich zu einer Lesung in einen Saal in Willendorf, weil eben dort eine Veranstaltung mit dem Aufhänger: „Wandern – Literatur“ angekündigt war, meine Lebensgefährtin und ich gerade die herrlichen Wanderpfade in der Wachau bevölkerten und ich in meiner Gutgläubigkeit erfreut an einer Lesung teilhaben wollte, in der Wanderliteratur zum Besten gegeben würde.
    Inszeniert wurde das Spektakel „zu dem man sich unbedingt rechtzeitig anmelden solle, weil so viele Teilnehmer zu erwarten wären“ vom Literaturhaus Niederösterreich. Oh, was bin ich doch naiv. Nach zwei Pirouetten des Komödianten auf dem Podium schlief mein Gesicht ein, damit nicht der Verstand auch, blätterte ich rasch im Programm: der Lesende war als „die“ Neuentdeckung des Jahres 2o13 apostrophiert – etliche bunte Bänder waren um seine Biografie geschlungen; ein Tusch, das helle Klingeln des Tamburins, Getinkel, Getankel, – ich blickte meine Freundin an, sie schlang den Schal um den Hals, nickte mir zu – und wir verließen schleunigst den Marktplatz.
    Die Gaukler und Komödianten von heute geben sich als Prediger und Propheten aus. Natürlich als Prediger der Postmoderne, nicht als strenge Gläubige an diese oder jene Sache. Sie, die Messiasse der Gegenwart äußern sich schmunzelnd, mit einem Augenzwinkern, manchmal gar ernst, aber innerlich vor Schalk glucksend.
    Die Meinung hat sich durchgesetzt, dass ohnehin niemand etwas zu sagen hätte, nichts Verbindliches, nichts Bleibendes, Gültiges. Allein diese Begriffe sind schon verpönt – erinnern an schreckliche Despotie, an Hierarchie und Absolutheitsanspruch. Also wird geflunkert und gedudelt, gehopst und parliert, dabei an Nichtssagerei sich emsig gegenseitig übertroffen, doch ständig – ständig – drauf geachtet wer den meisten Erfolg hat, wer am schnellsten im Zirkel aus Literaturverlagen, Literaturkritik, Literaturhäusern herumgewirbelt wird.
    Die Mosese von heute teilen nicht das Rote Meer – hacken nicht einmal das Eis des Schweigens auf mit ihrer Geschwätzigkeit, sie sind einfach erfolgreich. Spiegeln den Zeitgeist der Selbstbespiegelung wider, den Glamour der Besonderheit, die Grandezza der Einzigartigkeit. Um was anders geht es schlicht nicht mehr. Sie nennen den, der meint, wirklich etwas zu sagen zu haben Verführer. Sind jedoch selbst die Gaukler, Akrobaten, Verführer der Leute die sie mit ihrer Kunst ablenken von anderem, vom gefrorenen Meer, von den Asphaltdecken der Zivilisation in uns und auf den einstigen Wiesen, unter denen es gärt – zunehmend, stinkt und dampft bis sich wieder brauner Dreck über die Welt ergießt.
    Ironie, Sarkasmus, Beliebigkeit, Tand und Tinkel Tankel bietet die Postmoderne als seichte Antwort auf die Moderne mit ihren Selbstabsolutsetzungen und Wahrheitsansprüchen. Damit dient sie dem Zeitvertreib und dem Geschäft, nicht aber der Kunst oder den Menschen. Das Dauerfeuerwerk um den permanent neuesten Literaturstar am Beliebigkeitshimmel blockiert jegliche andere Wahrnehmungsweise von Literatur – die Verlage quellen von Belanglosen über, die Zeitungen drucken sie in, als Rezensionen getarnten, Inseraten ab, die Literaturanstalten organisieren Tourneen für die fahrenden Sänger und Gaukler – und alles tanzt munter im Kreis auf dem Eis, auf dem gefrorenen Meer in uns ohne Erlösung und ohne Heilung.

  • Wilfried Seiring am 26. Februar 2016 um 17:44

    Swetlana Alexejewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

    Ich meine, man ist nach der Lektüre ein Anderer. Wilfried Seiring

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