Am 07.10.2009 hätte Ulrike Meinhof ihren 75ten Geburtstag gefeiert.
31 Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte Jutta Dittfurth im Jahr 2007 die erste recherchierte Biografie über Ulrike Meinhof.
Nachdem Sie im ersten Kapitel mit der krimitauglichen Baader-Befreiung das Interesse für die Geschichte dieser Frau geweckt hat, beginnt Jutta Dittfurth ab dem zweiten Kapitel, sehr gewissenhaft Meinhofs gesamte Lebensgeschichte nachzuzeichnen und lässt hierbei auch das familiäre Umfeld mit Eltern und Großeltern nicht aus. Dem Leser spukt dabei natürlich immer das RAF-Gespenst und die Terroristin Ulrike im Hinterkopf herum. Doch schon schnell wird greifbar, was eigentlich klar ist: Niemand wird als Terrorist geboren.
Durch die Augen von Ulrike erlebt man die gesamte Nachkriegszeit und lernt dabei, sofern man die Zeit nicht selbst miterlebt hat, eine Menge über deutsche Geschichte. Man erfährt, wie sie zu einer politischen Aktivistin in der Anti-Atom Bewegung wird. Und nach und nach zu einer angesehen, sozialkritischen Journalistin. Sie setzt sich unter anderem für Kinder und jugendliche ein, die zu dieser Zeit in Kinderheimen systematisch misshandelt werden. In der 68er-Bewegung ist sie mehr als Zuschauerin denn als Akteurin dabei, doch die Ungerechtigkeit und die Gewalt gegen die veränderungswilligen Demonstranten gehen auch an Ulrike nicht spurlos vorbei. So kommt es schließlich zur Baader Befreiung, bei der Ulrike eigentlich nur der Lockvogel sein sollte und ungeplant in den Untergrund geht.
Ab diesem Moment ist sie die gesuchte Terroristin. Die RAF-Zeit ist allerdings ein einziges Flüchten von einem Versteck ins andere und Geldbeschaffung für das teure Leben im Untergrund. Es bleibt kaum Zeit für politische Aktionen.
Nachdem Jutta Dittfurth Zusammenhänge hergestellt und Ulrike als vielschichtige Person portätiert hat, wird es noch unerträglicher, über die folgende Inhaftierung zu lesen. Dittfurth belegt, wie alle RAF-Mitglieder gefoltert werden, nur um sich an ihnen zu rächen. Wie sie teilweise als Versuchskaninchen für durchgeknallte Ärzte herhalten müssen. Und wie sie sterben. Ob Ulrike Selbstmord begangen hat, kann auch diese Biografie nicht klären, listet aber möglichst viele Fakten zu den Todesumständen auf (und nach der Faktenlage scheint ein Selbstmord extrem unwahrscheinlich).
Eine schwarz-weiße Denk- und Sichtweise auf die Nachkriegsjahre scheint mir nach diesem Buch nicht mehr möglich. Es zeigt im Gegenteil sehr gut, dass Terroristen keine bösen Teufel sind, sondern Menschen mit einer Geschichte, die etwas verändern wollen und keinen Weg mehr sehen.
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- © Foto: Kurt Steinhausen
Sechs Jahre hat Jutta Ditfurth für dieses Buch recherchiert und belegt ihre Aussagen mit über 300 Quellenangaben. Nie entsteht der Eindruck einer nett ausgeschmückten Geschichte, sondern jede Aussage ist fundiert und belegt. Im Gegensatz zu diesem Buch wirkt beispielsweise der Film “Baader Meinhof Komplex” einfach nur wie ein frei erfundenes Märchen das ständig die Tatsachen ignoriert.
Schriftstellerisch ist das Buch gut lesbar, aber kein Meisterwerk. Natürlich ist eine Biografie nicht der ideale Ort für schriftstellerische Entfaltung und entsprechend schleppt sich Jutta Ditfurth auf manchen Seiten durch die Fakten. Allergrößtenteils ist es aber kein dröges Fachbuch, sondern lässt den Leser gut in die Zeit eintauchen. Dabei helfen auch jede Menge Hintergrundinformationen und zeitliche Einordnung durch geschichtliche und politische Ereignisse.
Bei ihrer Recherche hat Jutta Ditfurth so viel Material gesammelt, dass sie damit das Ulrike Meinhof Archiv gegründet hat. Spenden zum Erhalt sind willkommen.
Ulrike Meinhof - Die Biografie von Jutta Ditfurth ist erschienen im Ullstein Verlag und auch als günstiges Taschenbuch erhältlich.
Links und weitere Informationen:
- Lesungen von Jutta Ditfurth
- Jutta Ditfurth in der Wikipedia
- Tragisch, selbstgerecht, mörderisch - eine Rezension in der SZ
- Eine Heldin zum Fürchten - eine Rezension in der FAZ
- Sich selbst treu - eine Rezension in der Zeit
- Ulrike Meinhof bei perlentaucher.de
- Linksradikale Gewalttaten in Deutschland reißen nicht ab - Der Blog “Zeit für Freiheit” ist der Meinung linke Gewalt wäre ein Problem für Deutschland und Jutta Ditfurth würde sie anheizen
- Frauen in der Männer(arbeits)welt - Ulrike ware keine “kleine, brave Hausfrau”
- »Deutschland ist ein sehr eigenartiges, oft schwer erträgliches Land« - Interview mit Jutta Ditfurth