Bei esoterischen Halluzinationen sieht Steiner rot
In dem Aufsatz “Max Dessoir ueber Anthroposophie”, erschienen in Steiners Aufsatzsammlung “Von Seelenrätseln” (1917), räumt Steiner mit esoterischen Unsinn auf, den der Kritiker Max Dessoir aus seinen Schriften herausgelesen haben will.
Dazu gehört die Annahme, Steiner sei der Überzeugung, “die Seele könne «bei der Wahrnehmung von Farben und Tönen die Vermittlung des Leibes ausschliessen»” - oder anders formuliert: “(…), man könne Farben ohne Augen sehen”.
Steiner belässt es nicht dabei, darauf hinzuweisen, er halte das für “töricht”, sondern erklärt, wie er seelische Eindrücke und Sinnesempfindungen in Zusamenhang sieht.
Im Zentrum steht die simple Beobachtung, dass man an verschiedenen Sinneseindrücken ähnliches Erleben kann. So ist jedem klar, dass nicht das Sehen einer tatsächlich präsenten roten Farbe gemeint ist, wenn jemand sagt er “sehe rot”.
Steiner zitiert sich hier zum besseren Verständnis selbst, und zwar aus “Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ (1904):
“Wenn die hellsichtige Erkenntnis davon spricht «ich sehe rot», so bedeutet dies: «ich habe im Seelisch-Geistigen ein Erlebnis, welches gleichkommt dem physischen Erlebnis beim Eindruck der roten Farbe».”
Um ganz deutlich zu machen, was er davon hält, sich auf Grundlage dieser Beobachtung zu oben genanntem esoterischen Firlefanz zu versteigen, verweist er auf seine “Theosophie“ (1904):
“Man kann zu der Vorstellung kommen, als ob dasjenige, was hier als «Farben» geschildert wird, vor der Seele so stünde, wie eine physische Farbe vor dem Auge steht. Eine solche «seelische Farbe» wäre aber nichts als eine Halluzination. Mit Eindrücken, die «halluzinatorisch» sind, hat Geisteswissenschaft nicht das geringste zu tun.”
Wer es immer noch nicht verstanden hat, möge im vorangehenden Aufsatz “Anthropologie und Anthroposophie“ nachlesen:
“Aber es ist auch gezeigt, dass in diejenigen, was die von mir gemeinte Anthroposophie als geistige Erlebnisse anstrebt, nicht auf allgemeine nebulöse gefühlsmässige Selbsterlebnisse der Seele gedeutet wird sonder auf etwas das in gesetzmässiger Art in einem wirklichen inneren Erleben entwickelt wird.”
Lesetipp: Rudolf Steiner - Von Seelenrätseln (1917) [PDF] [Online-Text]