Die Ballade vom Anästhesisten


Ein Mensch, zumeist nicht eingeplant
und mehr befürchtet als er ahnt,
wird eines Tag´s mit Kopf und Ohren
und was man sonst noch braucht, geboren.

Der Mensch, zunächst in einer Wiege
brüllt, daß er was zu trinken kriege
worauf die Mutter, sanf't und mild
ihn an die Quellen legt und stillt

So wächst der Mensch, blüht und gedeiht,
es kommt der erste Zahn der Zeit,
der erste Bart, der erste Zopf,
je nach Geschlecht an Kinn und Kopf,
der Stimmbruch kommt, die Pupertät,
und wie's im Leben halt so geht,
seit unser Herr die Erde schuf
es kommt der Mensch in den Beruf.

Berufe gibt´s bekanntlich viele,
der eine nimmt sich den zum Ziele,
ein andrer schlüpft in and´re Schuhe,
ein Dritter will nur Geld und Ruhe.

Ich aber will mich hier mit Jenen
befassen, die nach Leid und Tränen
und allerfrühesten im vierten
Deccenium auch promovierten
zum Ruhme ihrer Fakultät:
in diesem Fall zum Doktor med.
In Sonderheit geht es um die
Adepten der Anästhesie:
Zu ihrem Werdegang und Werken
will ich so einiges bemerken.
Hat so ein Bürger dieser Erde
beschlossen, daß er etwas werde,
so wird er, was zwar selten ist,
zuweilen auch Anästhesist:

Läßt also alle Hoffnung fahren,
sich die Gesundheit zu bewahren,
verzichtet, was schon schwerer fällt,
auf' Freizeit, Hab und Gut und Geld,
sagt sich von seinen Freunden los,
reißt sich aus der Familie Schoß,
verläßt die Kirche und Partei,
auf daß er nur noch eines sei:
Von Kopf bis Fuß in jeder Pose
ein wahrer Jünger der Narkose.
Ein Mensch, gewillt ein Mensch zu bleiben
und dem Berufsziel: zu betäuben.

Der Mensch begibt in solchem Fall
sich schleunigst an ein Hospital
und dort, zwecks längerer Verweilung,
an die Anästhesie-Abteilung.

Hier wird, wenn die Frisur gefällt,
der gute Mensch auch eingestellt
und darf' sich fürder – kaum im Rennen –
Narkose-Assistensarzt nennen.
Steht dann mit einer Morgenzeitung
in irgendeiner Vorbereitung
umwölkt vom Dampfe der Narkose
und meistens mit randvoller Hose,
denn – dieses ist der Lauf der Welt
er hatt´ sich´s anders vorgestellt:
Hochwissenschaftlich, biochemisch,
auf alle Fälle akademisch,
zumindest etwas medizinisch –
und stellt nun fest, es ist rein klinisch,
was man ihm da so abverlangt.
Der Mensch, er wird labil und schwankt,
ob er bei des Berufes Wahl
und Möglichkeiten ohne Zahl
sich nicht vielleicht vergriffen hat.
Und dennoch schreitet er zur Tat.
Zunächst punktiert er eine Vene
und landet in der Bizeps-Sehne,
auch jeden weiteren Versuch
dankt der Patient mit einem Fluch.

Meint es das Schicksal mit ihm gut,
so kommt beim vierten Male Blut,
zumeist im Strahl und ziemlich hell:
Die Nadel liegt jetzt arteriell.
Schon blickt die Umwelt bitterbös´,
da hilft ein Zufall ihm venös,
worauf der Mensch, jetzt hochbeglückt,
stolz auf den Spritzenstempel drückt,
womit sich, was er greifbar hat,
zumeistens ein Barbiturat,
nun, lege artis injiziert,
in den Patient, hinein verliert.
Zwar hatte man ihm beigebracht,
daß man so etwas langsam macht,
doch unser Mensch, jetzt voll in Fahrt,
hat sich solch Wissen nicht bewahrt
und. spritzt mit Eifer und Genuß
500 Milligramm im Schuß.
Sofort verändert sich das Bild:
Sein Opfer, das erst bös und wild –
weil mehrfach para injiziert
und solchermaßen irritiert,
doch fest gewillt, zu überleben
und sich nach Hause zu begeben
vor ihm auf seiner Trage lag,
verändert sich mit einem Schlag
und wird, egal ob Mann, ob Frau
erst ruhig und dann dunkelblau.
Der Mensch, nicht. trauend solchem Frieden,
hält den Patienten für verschieden,
und tief beeindruckt solchermaßen
denkt er den Tatort zu verlassen.
Doch weit gefehlt: Ein herbes Wort
des Chefs: hält ihn am Arbeitsort,
er kann sich winden wie er will;
die Schwester reicht das Succinyl.

Der Mensch, schon reichlich konsterniert,
spritzt und hat damit relaxiert.
Schon wieder ändert sich die Szene:
das Succi, jetzo in der Vene,
und dort gepaart mit dem Expander,
haut den Patienten umeinander.
Es blickt der Mensch, vor Schrecken bleich,
auf' den Patient. Der wird erst weich
und hört im weiter'en Verlauf
so peu apnoe zu schnaufen auf'.
Dem Mensch verschlägt's das letzte Wort,
er steht vor seinem ersten Mord
und flüchtet sich, so gut es geht,
in Anteilnahme und Gebet.
Doch nein, mit Hilfe von zwei Schläuchen
und einer Maske, einer weichen,
und auch vermittels einer Blase,
drückt man nun die Narkosegase
direkteman durch Nas' und Mund
hinab in des Patienten Schlund.
Die Lunge bläht sich und der Bauch,
das Volumeter dreht, sich auch
und pfeifend flüchtet, was zu viel,
durchs blanke Überströmventil.
Patient und Szene sind entspannt -
da fühlt der Mensch in seiner Hand,
weil es die Schwester dahin schob,
urplötzlich ein Laryngoskop.
Der Mensch, der dieses noch nicht kennt,
beäugt verwirrt das Instrument
und hegt voll Argwohn und Verdacht,
daß man auch damit etwas macht.
Und in der Tat: er wird belehrt,
wie man im weiteren verfährt
und was man nun von ihm erwartet.
Der Mensch so informiert, er startet
mit. einem unterdrückten Fluch
jetzt den Intubations-Versuch.
Mit Angst und wenig Zuversicht
und nur weil dieses seine Pflicht
bestimmt aus keinem anderen Grund
zwängt er den Spatel in den Mund.
Dem Chef, der zusieht, quillt die Träne:
schon liegen 1, 2, 3, 4 Zähne
fein säuberlich herausgebrochen
auf des Patienten Brustwandknochen.
Leicht transpirierend, aber stumm,
steht man um diesen Fall herum,
und auch die Schwester legt die nackten
Tatsachen schweigend zu den Akten.
Der Mensch, nun gänzlich enerviert,
hat mählich weiter intubiert
und ist, den Göttern sei's gedankt,
am Kehlkopfdeckel angelangt
Hier aber ist die Welt zu Ende:
Daß er die Rima glottis fände
scheint ihm nach allem unwahrscheinlich.
Er untersucht zwar hochnotpeinlich.
genau die ihm so fremde Gegend,
und er empfindet es. erregend,
wie sich das trübe Spatellicht
so an der Epig1ottis bricht,
doch seine Hoffnung ist im Schwinden,
die Atemröhre aufzufinden
Doch halt, jetzt sieht er so ein Loch,
und hofft, am Ende ist sie's doch,
und schiebt den Tubus, oh Verdruß
schnurstraks in den Oesophagus.
Des Atembeutels Kompression,
beweist so gleich am falschen Ton:
Der Schnorchel liegt auf jeden Fall
eindeutig paratracheal.

Und wieder stehet still und stumm
man um den Trauerfall herum,
bis endlich einer, der's gelernt,
die Röhre aus dem Mann entfernt.
Zum zweiten Male tritt nun schon
die Atemmaske in Aktion,
die, auf die Nase aufgedrückt,
verhindert, daß der Mann erstickt.

Der Mensch, im Grunde Optimist,
sieht, daß noch nichts verloren ist,
und durch des Zahnes breite Lücke
versucht er nun erneut sein Glücke.
Jetzt gilt's so denkt er sich und drängt
von Zahn und Zunge eingeengt
geschloss´nen Aug' s durch Schweiß und Hitze
den Tubus Richtung Stimmesritze,
und schafft mit letzter Energie
das Rohr von Rüsch doch irgendwie
hindurch – zu Ende ist die Qual!
Das Rohr liegt intratracheal,
wird rasch geblockt und. f'est gepappt,
mit einem Wort: .Es hat geklappt;
was jetzt noch zu erf'olgen hat,
das übernimmt der Spiromat.
Der Mensch, nun auf Applaus erpicht,
wird tief enttäuscht, denn Vater spricht:
Mein lieber Herr Kollege, Sie -
das steht schon fest – Sie lernen' s nie!
Worauf sich unser Mensch und Erden-
bürger entschließt Chirurg zu werden.

Und die Moral von der Geschicht:
Oh Mensch, werde nur niemals nicht,-
denn dieser Job ist viel zu schwer -
freiwillig ein Narkotiseur.
So mancher hat es schon versucht
und sich und sein Geschick verflucht,
so mancher hat es schon probiert,
der heute nur noch operiert,
weil operieren leichter ist.
Dies schwört Euch !


     Ein Anästhesist

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