Das Haus mit den sieben Stockwerken


Nach einer eintägigen Bahnfahrt traf Giuseppe Corte an einem Märzmorgen in der Stadt ein, darin die berühmte Heilstätte lag. Er hatte ein wenig Fieber, wollte aber gleichwohl den Weg vom Bahnhof zum Krankenhaus zu Fuß zurücklegen und dabei auch selber sein Köfferchen tragen. Obzwar seine Erkrankung sich nur in leichtester Form bemerkbar gemacht hatte, war ihm doch das weithin bekannte Sanatorium empfohlen worden, in dem nichts anderes behandelt wurde als nur diese einzige Krankheit. Daher galten die Ärzte dort als außergewöhnliche Spezialisten, und die gewissenhafteste Vollständigkeit in der Einrichtung war garantiert.
Als er das Haus von weitem entdeckte - und er erkannte es sogleich nach einer Fotografie, die er in einem Prospekt gesehen hatte -, machte es auf Giuseppe Corte einen überwältigenden Eindruck. Das weiße, siebenstöckige Gebäude war regelmäßig von Einbuchtungen durchbrochen, die ihm das Aussehen eines Hotels verliehen. Ringsherum stand eine Einfriedung von hohen Bäumen.
Nach einer ersten oberflächlichen Visite und in Erwartung einer genaueren und umfassenden ärztlichen Untersuchung wurde Giuseppe Corte in ein freundliches Zimmer des obersten Stockwerks eingewiesen. Die Möbel waren wie die Tapete hell und angenehm, die Sessel aus Holz, die Kissen mit bunten Stoffen überzogen. Die Aussicht erstreckte sich über einen der schönsten Stadtteile. Alles war still, gastfreundlich und beruhigend.
Giuseppe Corte legte sich sogleich zu Bett und begann beim Licht der kleinen, oberhalb seines Kopfkissens angebrachten Lampe, in einem Buch zu lesen, das er sich mitgebracht hatte. Kurz darauf trat eine Krankenschwester ein, um ihn zu fragen, ob er irgend etwas wünsche.
Giuseppe Corte hatte keine besonderen Wünsche, nahm aber gern die Gelegenheit wahr, sich mit der jungen Frau zu unterhalten, wobei er dies und das über die Heilstätte wissen wollte. So lernte er die bemerkenswerte Art und Weise dieses Hospitals kennen. Die Patienten waren je nach dem Krankheitsbild über die sechs Stockwerke und das Erdgeschoß verteilt. Im sechsten, also dem obersten, waren die ganz leichten Fälle untergebracht.
Abgesehen davon, daß dieses einzigartige System den Dienst außerordentlich erleichterte und in Schwung hielt, verhinderte es auch, daß einen leicht Erkrankten die Nachbarschaft eines Gefähr-
ten, der in Agonie lag, aufregen könnte, es garantierte vielmehr in jedem Stock eine gleichmäßige Atmosphäre. Anderseits konnte die Behandlung gradweise bis zur Vollkommenheit abgestuft werden und die bestmöglichen Resultate erzielen.
Als die Schwester das Zimmer verlassen hatte, ging Giuseppe Corte im Gefühl, das Fieber sei geschwunden, zum Fenster und blickte hinaus; nicht um die Aussicht der Stadt zu betrachten, obwohl sie ihm neu war, sondern in der Hoffnung, in den unteren Stockwerken durch die Fenster hindurch andere Kranke zu entdecken. Die Bauart des Hauses mit seinen großen Einbuchtungen ermöglichte eine solche Beobachtung. Zumal auf die Fenster des Erdgeschosses richtete Giuseppe Corte seine Aufmerksamkeit: sie schienen unendlich fern zu sein, und er konnte sie nur erkennen, wenn er sich weit hinauslehnte. Doch sah er nichts, was seiner Beachtung wert gewesen wäre. Die Mehrzahl jener Fenster war durch graue Rolladen hermetisch verschlossen.
Da wurde Corte eines Mannes gewahr, der an einem Fenster neben seinem eigenen stand. Die beiden sahen sich lange Zeit an, mit wachsender Sympathie, und doch wußten sie nicht, wie sie das Schweigen brechen sollten. Endlich gab sich Giuseppe Corte einen Stoß und sagte: »Sind Sie auch erst seit kurzem hier? «
»O nein«, antwortete der andere, »schon seit zwei Monaten!« Er schwieg wieder einige Sekunden, wußte nicht recht, wie er das Gespräch fortführen könne, und fügte endlich hinzu: »Ich sah eben nach meinem Bruder da unten. «
»Nach Ihrem Bruder?«
»Ja«, erklärte der Unbekannte, »wir sind zusammen hier angekommen; ein sehr eigenartiger Fall, sein Zustand hat sich verschlechtert, stellen Sie sich vor, er liegt jetzt schon im Dritten.«
»In was für einem Dritten?«
»Im dritten Stock«, erläuterte der Mann und sprach die beiden Worte in einem derartigen Ton des Mitleids und Schreckens aus, daß Giuseppe Corte ganz verblüfft dastand.
»Aber, sind denn die Fälle so schwer im dritten Stock?« fragte er vorsichtig.
»Du lieber Gott«, meinte der andere, langsam den Kopf schüttelnd. »Sie sind noch nicht verzweifelt, doch da ist nicht mehr viel Grund zur Heiterkeit vorhanden.«
»Aber dann ...« fragte Corte wieder, mit der leichtsinnigen Unbefangenheit eines Menschen, der auf tragische Begebenheiten anspielt, die ihn selbst nicht betreffen, »wenn im dritten Stock schon derart Schwerkranke liegen, wen bringt man denn dann im Erdgeschoß unter?«
»Oh«, sagte der andere, »die Moribunden. Dort unten haben die Ärzte nichts mehr zu schaffen. Nur der Priester ist da tätig. Und natürlich...«
»Aber es liegen nur wenige im Erdgeschoß«, unterbrach Giuseppe Corte, als brauche er dringend eine Bestätigung, »fast alle Zimmer sind geschlossen.«
»Es sind nur wenige, jetzt wohl, aber heute morgen waren es mehr«, erwiderte der Fremde mit einem dünnen Lächeln. »Dort, wo die Rolläden herabgelassen sind, ist irgend jemand vor kurzem gestorben. Sehen Sie übrigens nicht selbst, daß in den anderen Stockwerken alle Fensterläden offenstehen? Doch entschuldigen Sie mich«, und er zog sich langsam zurück. »Es scheint kalt zu werden. Ich gehe wieder ins Bett. Gute Besserung.«
Der Mann verschwand von der Brüstung, und das Fenster wurde energisch geschlossen, dann sah man drinnen Licht aufflammen. Giuseppe Corte blieb noch regungslos am Fenster stehen und starrte die herabgelassenen Rolläden des Erdgeschosses an. Er starrte sie an mit einer krampfhaften Intensität und suchte sich die tödlichen Geheimnisse jener Abteilung vorzustellen, dahin die Kranken zum Sterben gebracht wurden; und er fühlte Erleichterung bei der Gewißheit, so weit davon entfernt zu sein. Auf die Stadt sanken unterdessen die Schatten des Abends. Eines nach dem anderen leuchteten die tausend Fenster des Sanatoriums auf; aus der Ferne hätte man an einen festlichen Palast denken können. Nur im Erdgeschoß, weit unten, wo der steile Abgrund begann, blieben viele Fenster blind und dunkel.
Das Ergebnis der ärztlichen Hauptuntersuchung stimmte Corte wieder heiterer. Gewohnt, immer das Schlechteste vorauszusehen, hatte er sich im Innern schon auf ein schwerwiegendes Urteil gefaßt gemacht und wäre nicht überrascht gewesen, wenn der Arzt erklärt hätte, er müsse ihn dem tieferen Stockwerk überweisen. (Das Fieber machte tatsächlich keine Anstalten zu verschwinden, wenn auch Cortes übriger Zustand befriedigend war.) Doch der Doktor gab ihm nur herzliche und ermunternde Worte. Ein Keim des Übels sei zwar vorhanden, sagte er, aber nur ganz leicht; in zwei, drei Wochen würde wohl alles vorüber sein.
»Dann bleibe ich also im obersten Stock?« hatte Giuseppe Corte hier ängstlich gefragt.
»Aber das ist doch selbstverständlich!« hatte der Arzt geantwortet und ihm dazu freundschaftlich auf die Schulter geschlagen, »wohin gedachten Sie denn zu ziehen? In den dritten etwa?« fragte er lachend und tat so, als spiele er mit der unsinnigsten und schwärzesten Vorstellung.
So blieb Giuseppe Corte tatsächlich in dem Zimmer, das ihm zu Anfang angewiesen worden war. An den seltenen Nachmittagen, da ihm erlaubt wurde, aufzustehen, lernte er ein paar Gefährten des Heimes kennen. Pedantisch befolgte er die Kurvorschrift und setzte all seinen Eifer daran, schnell gesund zu werden; gleichwohl schien es, als verändere sein Zustand sich nicht.
Es waren ungefähr zehn Tage vergangen, als der Oberpfleger des sechsten Stockwerks sich bei Giuseppe Corte einfand. Er kam, ihn um eine Gefälligkeit rein freundschaftlicher Art zu bitten: am folgenden Tag sollte eine Dame mit zwei Kindern im Hospital eintreffen; zwei Zimmer waren frei, gerade neben diesem hier, aber es fehlte noch das dritte. Würde Herr Corte vielleicht damit einverstanden sein, in ein anderes, ebenso gemütliches Zimmer zu übersiedeln?
Giuseppe Corte machte natürlich keinerlei Schwierigkeiten; ein Zimmer oder das andere, das war ihm gleich; vielleicht würde er sogar eine neue und noch hübschere Pflegerin bekommen.
»Ich danke Ihnen von Herzen«, sagte der Krankenwärter mit einer leichten Verbeugung, »ich gestehe, daß mich eine so freundliche Kavaliersgeste bei einer Persönlichkeit, wie Sie es sind, nicht überrascht. In einer Stunde, wenn Sie nichts dagegen haben, werden wir den Umzug vornehmen. Achten Sie übrigens bitte darauf, daß Sie zu dem Stockwerk unter dem unseren hinabsteigen« - er fügte das mit geringem Nachdruck hinzu, als handele es sich um eine völlig belanglose Nebensache -, »leider sind in diesem Stock hier keine weiteren Zimmer frei. Aber es ist ja nur eine vorüber gehende Regelung«, beeilte er sich zu erklären, als er sah, daß Corte sich mit einem Schlag aufrichtete und den Mund zu einem Protest öffnete, »eine absolut vorübergehende Regelung. Sobald ein Zimmer frei ist, ich glaube, daß dies in zwei, drei Tagen der Fall sein wird, können Sie wieder hierher zu uns nach oben zurückkehren.«
»Ich muß Ihnen gestehen«, sagte Giuseppe Corte und lächelte, um zu zeigen, daß er kein Kind sei, »ich muß Ihnen gestehen, daß eine Umquartierung dieser Art mir tatsächlich nicht sehr angenehm ist.«
»Aber sie hat doch keinerlei medizinische Ursache; ich verstehe genau, was Sie sagen wollen, es handelt sich jedoch einzig und allein um eine Gefälligkeit gegenüber jener Dame, die nicht gern von ihren Kindern getrennt werden möchte ... Um Gottes willen«, und er lachte herzlich, »lassen Sie sich doch nicht einfallen, es könnten andere Gründe vorliegen!«
»Also gut«, sagte Giuseppe Corte, »aber ich fürchte, es ist von schlechter Vorbedeutung.«
So gelangte Corte in den fünften Stock, und obwohl er sich hatte überzeugen lassen, daß diese Umquartierung wirklich nicht mit einer Verschlimmerung seines Übels zusammenhinge, fühlte er sich unbehaglich bei dem Gedanken, daß sich zwischen ihm und der gewöhnlichen Welt der gesunden Menschen bereits ein Hindernis aufgerichtet hatte. Im sechsten Stock, dem Ankunftshafen, stand man in gewisser Weise noch mit der menschlichen Gemeinschaft in Beziehung. Aber im fünften trat man in den eigentlichen Bereich
des Krankenhauses ein; hier war schon das Gebaren der Ärzte, der Pflegerinnen und der Kranken selbst ein wenig anders. Man gab bereits zu, daß dieses Stockwerk regelrecht und eigentlich Kranke beherberge, wenn diese auch noch nicht als schwere Fälle bezeichnet werden konnten. Von den ersten Gesprächen an, die Giuseppe Corte mit seinen Zimmernachbarn, dem Personal, den Wärtern führte, merkte er ganz deutlich, daß in dieser Abteilung der sechste Stock als Bagatelle angesehen wurde. Er war lediglich für Dilettanten der Krankheit eingerichtet, für Leute, die in der Hauptsache von ihrer eigenen Einbildung infiziert waren; mit dem fünften fing es erst eigentlich an.
Wie dem auch sein mochte, Giuseppe Corte begriff, daß er auf mancherlei Schwierigkeiten stoßen würde, nach oben zurückzukehren, wo doch nach dem Stand seiner Krankheit der ihm gebührende Platz war. Um wieder in das sechste Stockwerk zu gelangen, mußte er einen ganzen Apparat in Bewegung setzen; es war kein Zweifel daran, daß niemand, wenn er sich nicht selber rührte, auf den Gedanken kommen würde, ihn aufs neue in das höhere Stockwerk der >Eigentlich-Gesunden< einzuweisen.
Giuseppe Corte nahm sich deshalb vor, auf seinem Recht zu bestehen und sich nicht von der Gewöhnung einlullen zu lassen. Den Gefährten seiner Abteilung gegenüber legte er großen Wert auf die Feststellung, daß er mit ihnen nur ein paar Tage zusammen sein werde, daß er selbst den Wunsch geäußert habe, einen Stock tiefer zu ziehen, um einer Dame einen Gefallen zu tun, und daß er wieder hinauf wandern werde, sobald ein Zimmer frei sei. Die anderen billigten, wenig überzeugt, seine Worte.
Im Urteil des neuen Arztes fand die Meinung Giuseppe Cortes volle Bestätigung. Auch er mußte zugeben, daß Giuseppe Corte sehr gut ins sechste Stockwerk eingewiesen werden könnte; die Symptome seiner Krankheit seien ausgesprochen geringfügig – und er skandierte diese Diagnose, um ihr Gewicht zu verleihen -, doch im übrigen sei er der Meinung, daß Giuseppe Corte im fünften Stock vielleicht doch besser behandelt werden könne.
»Fangen wir doch nicht mit derlei Geschichten an«, unterbrach der Kranke an diesem Punkt mit Entschiedenheit. »Sie haben mir gesagt, mein Platz sei im obersten Stock, ich will dahin zurück!«
»Niemand hat etwas dagegen eingewendet«, antwortete der Arzt, »mein Rat war, schlicht und einfach ausgedrückt, nicht der eines Arztes, sondern eines wahrhaften Freundes! Ihr Krankheitsgrad, ich wiederhole es, ist geringfügig (es wäre nicht übertrieben zu behaupten, daß Sie gar nicht wirklich krank sind); aber meiner Erfahrung nach kann man, zurückschließend auf ähnliche Fälle, eine größere Ausbreitung befürchten! Ich darf mich näher erklären: die Heftigkeit des Übels ist kaum nennenswert, aber seine Schwingungsweite beachtlich; der Auflösungsprozeß des Zellgewebes« - es war das erstemal, daß Giuseppe Corte diese finstere Bezeichnung vernahm - »der Auflösungsprozeß des Zellgewebes steckt absolut in den Anfängen, vielleicht hat er noch gar nicht begonnen, aber er verrät die Anlage, ich sage nur: die Anlage, gleichzeitig große Teile im Organismus zu befallen. Nur deshalb können Sie, meines Erachtens, nachhaltiger hier im fünften Stock behandeltwerden, wo die therapeutischen Methoden wirksamer sind und noch mehr der Eigenart unserer Krankheit entsprechen.«
Eines Tages wurde Corte berichtet, daß der Chefarzt des Hauses, nach einer langen Beratung mit seinen Mitarbeitern, beschlossen hatte, die Unterteilung der Patienten zu verändern. Der Grad eines jeden wurde, um es so auszudrücken, um einen halben Punkt gesenkt. Nachdem man die Kranken jedes Stockwerks nach der Schwere ihres Falles in zwei Kategorien eingeteilt hatte (welche Teilung von den betreffenden Stationsärzten unter Ausschluß jeglicher Bekanntmachung vorgenommen wurde), siedelte man vom Zentralbüro aus die untere dieser beiden Hälften ein Stockwerk tiefer an. Diese Nachricht erfreute Giuseppe Corte, denn in einem so grundlegenden Umzugssystem würde seine Rückkehr in den sechsten Stock besser gelingen.
Als er bei der Pflegerin auf diese seine Hoffnung zu sprechen kam, traf ihn eine bittere Überraschung. Er erfuhr nämlich, daß er zwar umziehen werde, aber nicht in den sechsten, sondern in den vierten Stock. Aus Gründen, die ihm die Schwester nicht näher zu erklären wußte, war er der >ernsteren< Hälfte der Patienten vom fünften Stock zugezählt worden.
Als die erste Verblüffung vorüber war, packte Giuseppe Corte die Wut; er schrie, daß man ihn auf gemeine Weise betrüge, daß er nichts von weiteren Umquartierungen nach unten hören wolle, daß er nach Hause zurückkehren werde, daß Recht Recht sei und daß die Büroleitung des Krankenhauses nicht derartig offenkundig die Diagnosen der Ärzte durchkreuzen könne.
Während er noch schrie, langte keuchend der Arzt an um ihn zu beruhigen. Er riet Corte, sich nicht so aufzuregen, wenn er nichtseine Fieberkurve ansteigen lassen wolle, er erklärte, daß ein Mißverständnis geschehen sei, wenigstens teilweise. Noch einmal gab er zu, daß Giuseppe Corte im sechsten Stock an seinem richtigen Platz wäre, aber er fügte hinzu, daß er für seinen Teil einen etwas anderen Vorschlag habe, wenn auch nur rein privat. Am Ende könne Cortes Krankheit - in einem gewissen Sinn, versteht sich auch zum fünften Grad gerechnet werden, und zwar infolge der Ausbreitung der Krankheitsmerkmale. Dennoch sei es ihm unverständlich, wie Corte in die untere Hälfte des fünften Stockwerks habe eingeteilt werden können. Wahrscheinlich habe der Direktionssekretär, der ihn gerade heute morgen telefonisch nach Giuseppe Cortes genauem klinischen Befund gefragt hatte, sich beim Abschreiben geirrt. Oder aber die Direktion hatte bei dieser Gelegenheit sein Urteil leicht >gesenkt<, da er als ein besonders erfahrener, aber etwas zu nachsichtiger Arzt angesehen werde. Endlich empfahl er Corte, sich nicht aufzuregen und ohne Protest die Umquartierung auf sich zu nehmen; was zähle, sei die Krankheit, nicht der Platz, an dem ein Patient untergebracht sei.
Was nun die Behandlung betraf — fügte der Arzt noch hinzu -, so würde Giuseppe Corte sich nicht zu beklagen haben; der Stations chef des tieferen Stockwerks hatte zweifellos größere Erfahrung, es sei sozusagen logisch, daß die Fähigkeiten der Ärzte, wenigstens nach Ansicht der Direktion, je tiefer man hinabsteige, desto mehr anstiegen. Das Zimmer sei von gleicher Bequemlichkeit und Eleganz. Die Aussicht ebensoweit: erst vom zweiten Stock abwärts werde die Sicht durch die Bäume der Einfriedung beeinträchtigt.
Giuseppe Corte, eine Beute seines abendlichen Fiebers, lauschte den peinlichen Rechtfertigungen des Doktors mit wachsender Müdigkeit. Am Ende wurde ihm klar, daß ihm die Kraft und vor allem der Wille fehlten, sich weiterhin gegen den ungerechten Umzug aufzulehnen. Und er ließ sich in das tiefere Stockwerk bringen.
Als er sich im vierten Stockwerk befand, war Giuseppe Cortes einziger, wenn auch ärmlicher Trost die Gewißheit, daß er nach übereinstimmendem Urteil der Ärzte, Wärter und Kranken in dieser Abteilung der leichteste Fall von allen war. Hier konnte er sich immerhin auf weite Sicht als den Glücklichsten ansehen. Aber anderseits peinigte ihn der Gedanke, daß nunmehr zwei Schranken zwischen ihm und der Welt der normalen Menschen standen.
Im voranschreitenden Frühling wurde unterdessen die Luft immer milder, doch Giuseppe Corte liebte es nicht mehr, wie in den ersten Tagen, am Fenster zu stehen; obgleich eine derartige Furcht reine Albernheit war, fühlte er sich beim Anblick der fast immer geschlossenen Fenster im Erdgeschoß, die sehr viel näher gerückt waren, durch und durch von einem seltsamen Schauder geschüttelt. Sein Übel schien unverändert. Nach drei Tagen Aufenthalt im vierten Stock zeigte sich sogar ein Hautausschlag am rechten Bein, der in den folgenden Tagen keine Anzeichen einer Heilung gab. Es sei eine Infektion - sagte der Arzt -, absolut unabhängig vom Grundübel, eine Unannehmlichkeit, die dem gesündesten Menschen von der Welt widerfahren könne. Um sie in wenigen Tagen auszutreiben, wäre eine kräftige Bestrahlung anzuraten.
»Kann man diese Bestrahlung hier nicht erhalten?« fragte Giuseppe Corte.
»Gewiß«, antwortete der Arzt erfreut, »unser Hospital hat alles zur Verfügung. Es ist nur eine einzige Unbequemlichkeit dabei . . .«
»Welche?« murmelte Corte mit einem unbestimmten Vorgefühl.
»Unbequemlichkeit ist nur so ein Ausdruck«, verbesserte sich der Doktor. »Ich wollte sagen, daß die Apparate zur Bestrahlung sich nur im dritten Stock befinden, und ich rate Ihnen ab, dreimal täglich diesen Weg auf sich zu nehmen.«
»Also, dann geht es nicht?«
»wäre besser, wenn Sie, bis der Ausschlag geheilt ist, die Freundlichkeit haben würden, in den Dritten zu ziehen.«
»Genug!« brüllte da Giuseppe Corte. »Ich habe jetzt genug vom Abstieg! Und wenn ich krepieren muß, in den Dritten gehe ich nicht!«
»Sie meinen«, sagte der andere einlenkend, um ihn nicht zu verstimmen, »aber als verantwortlicher Arzt muß ich Ihnen leider verbieten, dreimal täglich hinunterzugehen.«
schlimme war jedoch, daß der Ausschlag, anstatt abzutrocknen, sich langsam verbreitete. Giuseppe Corte konnte keine Ruhe finden und warf sich dauernd im Bett hin und her. Drei Tage lang hielt er es so, zornerfüllt, aus, dann mußte er nachgeben. Mit einem plötzlichen Entschluß bat er den Arzt, sich der Bestrahlung unterziehen zu dürfen und in das tiefere Stockwerk umgebettet zu werden.
Dort unten angelangt, bemerkte er mit uneingestandener Befriedigung, daß er eine Ausnahme darstellte. Die anderen Patienten der Abteilung waren durchaus in sehr ernstem Zustand und durften eine Minute lang das Bett verlassen. Er hingegen konnte sich den Luxus leisten, von seinem Zimmer aus zu Fuß aufrecht in den Bestrahlungsraum hinüberzugehen, begleitet von den Komplimenten und der Bewunderung der Krankenschwestern.
Dem neuen Arzt schilderte er präzise und mit besonderem Nachdruck seine ganz außerordentliche Lage. Ein Kranker, der eigendlich Anrecht auf den sechsten Stock hatte, fand sich plötzlich im dritten wieder. Im Augenblick, da der Ausschlag geheilt sei, werde er, so war seine feste Absicht, wieder nach oben zurückkehren. Er würde absolut keine einzige Entschuldigung mehr gelten lassen Er der sich rechtmäßigerweise noch im sechsten Stock befinden müßte!
»Im sechsten, im sechsten!« rief der Arzt lächelnd, der erst jetzt mit seiner Untersuchung fertig war. »Ihr Patienten müßt doch immer übertreiben. Ich bin der erste, der zugibt, daß Sie mit Ihrem Zustand zufrieden sein können; soviel ich aus dem Krankenbericht sehe, hat es keine wesentlichen Verschlimmerungen gegeben. Aber auf Grund dessen gleich vom sechsten Stock zu sprechen - entschuldigen Sie meine rauhe Offenheit -, da gibt es doch noch einen Unterschied. Sie gehören zu den Fällen, die weniger Besorgnis erregen, aber Sie sind doch gleichwohl ein Patient!«
»Also dann, bitte«, sagte Giuseppe Corte, während glühende Röte sein ganzes Gesicht überzog, »in welches Stockwerk würden Sie mich legen?«
»Mein Gott, das läßt sich nicht so einfach sagen, ich habe Sie erst einmal flüchtig untersucht; um das zu bestimmen, müßte ich Sie wenigstens eine Woche lang beobachten.«
»Bitte sehr« - Corte blieb hartnäckig -, »bald werden Sie ja Bescheid wissen.«
Um ihn zu beruhigen, dachte der Arzt einen Augenblick lang scheinbar tief nach, dann nickte er mit dem Kopf und sagte langsam: »Mein Gott! Um Ihnen einen Gefallen zu tun, nun also, wir könnten Sie schließlich in den Fünften stecken. Ja, ja«, fügte er hinzu, wie um sich selber zu überzeugen. »Der Fünfte wäre wohl das Richtige.«
Der Doktor glaubte, den Kranken damit zu erfreuen. Statt dessen verbreitete sich Schrecken auf dem Gesicht Giuseppe Cortes: jetzt erkannte er, daß die Ärzte ihn getäuscht hatten. Da war nun dieser neue Mediziner, offenbar fähiger und ehrlicher als die anderen, und in seinem Herzen - das war klar ersichtlich - sah er in Corte nicht einen Patienten des sechsten, sondern des vierten Stocks und viel leicht gar in der unteren Hälfte des vierten. An diesem Abend war das Fieber hoch.
Der Aufenthalt im dritten Stock bedeutete für Giuseppe Corte die ruhigste Zeit seit der Aufnahme im Hospital. Der Arzt war ein überaus sympathischer Mensch, aufmerksam und herzlich; oft hielt er sich ganze Stunden damit auf, über die verschiedensten Dinge zu plaudern. Und auch Giuseppe Corte disputierte mit Freuden, indem er sich Themen wählte, die sein gewöhnliches Leben als Rechtsanwalt und Weltmann betrafen. So suchte er sich selbst von seiner Zugehörigkeit zur Gesellschaft der gesunden Menschen und von der Tatsache zu überzeugen, daß er noch immer mit der Geschäftswelt in Verbindung stehe und sich für öffentliche Angelegenheiten interessiere. Er versuchte es; ohne Erfolg. Unweigerlich kam das Gespräch auf die Krankheit zurück.
Der Wunsch nach einer Besserung, welcher Art auch immer, war inzwischen zur Besessenheit geworden. Leider hatten die Bestrahlungen nicht genügt, um den Hautausschlag zu beseitigen, wenn es auch gelungen war, eine weitere Ausdehnung zu verhindern. Jeden Tag sprach Giuseppe Corte mit dem Arzt des langen und breiten darüber und bemühte sich, überlegen, ja sogar ironisch zu erscheinen; ohne Erfolg.
»Sagen Sie mir, Doktor«, fragte er eines Tages, »wie geht es dem Auflösungsprozeß meiner Zellgewebe?«
»Oh, was für scheußliche Worte!« rief der Arzt scherzhaft empört. »Wo haben Sie die nur gelernt? Das gehört sich doch nicht, das ist nicht recht, zumal für einen Patienten nicht! Nie wieder will ich solche Reden von Ihnen hören.«
»Geht in Ordnung!« meinte Corte, »aber damit haben Sie meine Frage nicht beantwortet.«
»Oh, ich antworte Ihnen sofort«, sagte der Arzt höflich. »Der Auflösungsprozeß der Zellgewebe, um Ihren unausstehlichen Ausdruck zu wiederholen, ist in Ihrem Fall gering, absolut gering. Aber ich bin versucht, ihn hartnäckig zu nennen.«
»Hartnäckig? Chronisch wollen Sie sagen?«
»Drehen Sie mir nicht die Worte im Mund herum. Ich wollte nur sagen: hartnäckig. Im übrigen verhält es sich so bei der Mehrzahl der Fälle. Auch ganz leichte Infektionen benötigen oft eine energische und langwierige Behandlung.«
»Aber sagen Sie mir, Herr Doktor, wann werde ich dann auf eine Besserung hoffen können?«
»Wann? Prognosen sind bei derlei Fällen leider ziemlich schwierig«, und er fügte nach einer nachdenklichen Pause hinzu: »aber hören Sie, ich sehe ja, daß Sie eine wahrhafte Gier danach haben, gesund zu werden... Wenn ich nicht fürchten müßte, Sie zu erzürnen, würde ich Ihnen einen Rat geben ...«
»Aber sagen Sie doch, sagen Sie es ruhig, Herr Doktor ...«
»Nun gut, ich werde Ihnen das Problem in sehr klaren Worten darstellen. Nehmen wir einmal an, ich wäre von diesem Übel, wenn auch in leichtester Form, befallen und in dieses Sanatorium eingeliefert worden, das übrigens vielleicht das beste ist, welches
existiert; ja, also ich würde mich ganz von selbst vom ersten Tage an, verstehen Sie, vom ersten Tage an in einem der unteren Stockwerke einquartieren lassen. Ich würde mich unmittelbar im . . .«
»Im Erdgeschoß?« schlug Corte mit gezwungenem Lächeln vor.
»O nein, nicht im Erdgeschoß«, antwortete, ebenfalls voll Ironie der Arzt, »das nun gerade nicht unbedingt. Aber gewiß im zweiten oder auch im ersten Stock. In den unteren Stockwerken wird die Heilmethode sehr viel gründlicher angewandt, ich kann Sie dessen versichern, die technische Einrichtung ist vollständiger und wirksamer, das Personal tüchtiger. Sie wissen doch, wer die Seele dieses Hauses ist?«
»Ist das nicht Professor Dati?«
»Eben, Professor Dati. Er ist der Erfinder unserer Heilmethode er hat den ganzen technischen Apparat entworfen. Nun also, er, der Meister, lebt sozusagen zwischen dem ersten Stock und dem Erdgeschoß. Von dort strahlt seine leitende Kraft aus. Aber, das garantiere ich Ihnen, sein Einfluß reicht nicht über den zweiten Stock hinaus; weiter aufwärts beginnen seine Vorschriften zu verblassen. Das Herz des Hospitals ist in der Tiefe, und in der Tiefe muß man sein, um die beste Behandlungsweise zu genießen.«
»Aber dann«, sagte Giuseppe Corte mit zitternder Stimme, »mit einem Wort: Sie raten mir . . .«
»Es kommt noch eine Sache hinzu«, fuhr der Arzt unbeirrt fort, »hinzu kommt, daß man in Ihrem besonderen Fall auch an das Ekzem denken muß. Eine Angelegenheit ohne jede Bedeutung, ich gebe es zu, aber leider lästig, und sie könnte auf die Dauer die >Moral< beeinträchtigen. Und Sie wissen selbst, wie wichtig eine heitere Stimmung für die Genesung ist. Die Bestrahlungen, die ich Ihnen habe angedeihen lassen, waren nur zur Hälfte ergebnisreich. Der Grund hierfür? Es kann natürlich ein reiner Zufall sein, aber es kann auch sein, daß die Strahlen nicht stark genug sind. Nun also, im zweiten Stock sind die Apparate hierfür stärker. Die Möglichkeiten, den Ausschlag zu heilen, wären dort viel größer. Und dann, sehen Sie, wenn man die Genesung nur erst einmal eingeleitet hat, ist auch der schwerste Schritt getan. Beginnt man aber zu früh, wieder aufzusteigen, ist es viel schwerer, zurückzukehren. Wenn es Ihnen wirklich besser geht, dann wird nichts Sie hindern, wieder hierher zu uns emporzuwandern, oder auch noch höher hinauf, je nach Ihren >Verdiensten<, auch bis zum vierten, fünften, sogar bis zum sechsten, wage ich zu behaupten . . .«
»Und Sie glauben, daß dies die Heilung beschleunigen kann?«
»Aber darüber gibt es gar keinen Zweifel! Ich habe Ihnen schon gesagt, was ich täte, würde ich in Ihrer Haut stecken.«
Reden dieser Art führte der Arzt jeden Tag. Und es kam am Ende der Augenblick, da der Kranke, seiner Belästigung durch den Ausschlag müde, ungeachtet eines instinktiven Widerstandes, in den Bereich der immer schwereren Fälle abzusinken, dem Rat zu folgen beschloß und in das tiefere Stockwerk umzog. Im zweiten Stock bemerkte er sogleich eine besondere Fröhlichkeit sowohl beim Arzt wie bei den Schwestern, obwohl dort unten Kranke in Behandlung waren, deren Zustand noch zu großer Besorgnis Anlaß gab. Mehr noch: er entdeckte, daß diese Fröhlichkeit von Tag zu Tag wuchs. Von Neugier gepackt, fragte er seine Pflegerin als er zu ihr ein wenig Vertrauen gefaßt hatte, weshalb denn in diesem Stockwerk alle so heiter seien.
»Ach, das wissen Sie nicht?« antwortete die Schwester, »in drei Tagen gehen wir auf Urlaub.«»Wieso gehen wir auf Urlaub?«
»Gewiß doch. Der zweite Stock wird für fünfzehn Tage geschlossen, und das Personal hat Ferien. Diese Ruhezeit trifft der Reihe nach alle Abteilungen.«
»Und die Kranken? Was geschieht mit denen?« »Da es verhältnismäßig wenige sind, legt man zwei Stockwerke zusammen.«
»Wie? Sie vereinigen die Kranken des zweiten und dritten Stockes?«
»Nein, nein«, berichtigte die Pflegerin, »des zweiten und ersten. Diejenigen, die hier liegen, werden hinunterziehen müssen.«
»In den ersten Stock hinunterziehen?« sagte Giuseppe Corte bleich wie ein Toter. »Ich müßte demnach in den ersten Stock ziehen?«
»Aber gewiß doch. Und was ist denn dabei? Wenn wir wieder da sind, in vierzehn Tagen, werden Sie in dieses Zimmer zurückkehren. Ich weiß nicht, was daran so schrecklich sein soll.«
Doch Giuseppe Corte - ein geheimnisvoller Instinkt warnte ihn -wurde von nackter Furcht ergriffen. Da er jedoch einsah, daß er das Personal nicht hindern konnte, auf Urlaub zu gehen, und überdies davon überzeugt war, daß die neue Bestrahlung ihm guttat (das Ekzem hatte sich fast völlig geschlossen), wagte er nicht, sich der neuerlichen Umquartierung zu widersetzen. Immerhin bestand er ungeachtet der Spötteleien der Krankenschwestern darauf, daß an der Tür seines Zimmers ein Kärtchen angebracht wurde, auf dem geschrieben stand: »Giuseppe Corte, vom zweiten Stock, nur vorübergehend hier.« Dies war ohne Beispiel in der Geschichte des Sanatoriums, aber die Ärzte ließen es geschehen, weil sie vermuteten
daß selbst kleine Widerstände bei einem so nervösen Temperament wie dem Cortes innere Erschütterungen auslösen könnten.
Im Grunde handelte es sich darum, vierzehn Tage auszuharren nicht einen mehr, nicht einen weniger. Giuseppe Corte machte sich mit hartnäckiger Leidenschaft daran, sie zu zählen, wobei er ganze Stunden unbeweglich auf dem Bett ausgestreckt lag, die Augen starr auf die Möbel gerichtet, die nicht mehr so modern und freundlich waren wie in den oberen Abteilungen, sondern von größeren Demensionen und feierlicheren Formen. Ab und zu spitzte er die Ohren, da es ihm schien, als höre er das unbestimmte Röcheln von Todeskämpfen aus dem Erdgeschoß, der Zimmerflucht der Moribunden, dem Reich der Verdammten.
Alles dies trug natürlich dazu bei, ihn zu umdüstern. Und die verringerte gute Laune schien die Krankheit zu nähren, das Fieber begann zu steigen, heftiger ergriff ihn die Schwäche. Durch das Fenster - es war jetzt Hochsommer, und die Flügel blieben fast immer geöffnet - sah man nicht mehr die Dächer, nicht einmal die Häuser der Stadt, sondern nur die grüne Mauer der Bäume, die das Krankenhaus umgab.
Nach sieben Tagen, eines Nachmittags gegen zwei Uhr, traten plötzlich der Oberpfleger und der Krankenwärter, die ein fahrbares Ruhebett vor sich herschoben, ins Zimmer. »Sind wir bereit für die Überfahrt?« fragte der Oberpfleger in scherzhaft-wohlwollendem Ton.
»Was für eine Überfahrt?« fragte Giuseppe Corte mit gepreßter Stimme, »was sind das jetzt wieder für Scherze? Kommen die vom zweiten Stock denn nicht erst in sieben Tagen zurück?«
»Wieso zweiter Stock?« sagte der Oberpfleger, als verstehe er nicht, »ich habe Auftrag, Sie ins Erdgeschoß zu transportieren, sehen Sie, hier« - und er zeigte ihm ein gestempeltes Formular für die Überführung ins Erdgeschoß, unterzeichnet von Professor Dati höchstselbst.
Das Entsetzen, die höllische Wut Giuseppe Cortes explodierte in lautem Gebrüll, das durch die ganze Abteilung widerhallte. »Ruhe, Ruhe um Gottes willen!« beschworen ihn die Wärter, »hier liegen doch Kranke, denen es nicht gut geht.« Aber es bedurfte größerer Dinge, um ihn zu beruhigen.
Endlich lief der Arzt herzu, der die Abteilung leitete, eine außerordentlich höfliche und sehr gebildete Persönlichkeit. Er fragte, was es gebe, überprüfte das Formular, ließ sich von Corte aufklären. Dann wandte er sich zornig an den Oberpfleger, behauptete, daß ein Irrtum vorliege, er habe keinen Auftrag dieser Art erteilt seit einiger Zeit herrsche hier ein unerträgliches Durcheinander, er werde im Dunklen gelassen über alles, was vorgehe ... Schließlich, nachdem er sich gegen seinen Untergebenen Luft gemacht hatte, wandte er sich in höflichem Ton wieder dem Patienten zu und entschuldigte sich tausendmal.
Leider«, endete der Arzt seine Rede, »leider hat Professor Dati gerade vor einer Stunde einen kurzen Urlaub angetreten, er wird nicht vor zwei Tagen zurück sein. Ich bin völlig verzweifelt, aber . seine Anweisungen dürfen nicht aufgeschoben werden. Er wird der erste sein, den Vorfall zu bedauern, ich versichere es Ihnen! Ein derartiger Irrtum! Ich begreife einfach nicht, wie er hat unterlaufen können!«
Ein mitleiderregender Schauer packte Giuseppe Corte und schüttelte ihn. Die Fähigkeit, sich zu beherrschen, war ihm völlig entschwunden. Das Entsetzen hatte ihn überwältigt wie einen kleinen Knaben. Sein Schluchzen drang durch das Zimmer.
So kam er also, auf Grund dieses verdammenswerten Irrtums, in die letzte Abteilung. Ins Reich der Moribunden, er, der nach dem Grad seiner Krankheit und dem Urteil selbst der strengsten Ärzte das Recht hatte, im fünften Stock zu wohnen, wenn nicht gar im sechsten! Die Lage war derart grotesk, daß Giuseppe Corte in manchen Augenblicken Lust verspürte, laut herauszulachen.
Ausgestreckt im Bett erblickte er, während der warme Sommernachmittag langsam über die Stadt zog, durchs Fenster das Grün der Bäume, und er hatte das Gefühl, er sei in einer irrealen Welt angelangt, die aus sinnlosen Wänden von sterilisierten Steinplatten bestand, aus eisigen Todesfluren, aus weißen Menschengestalten ohne Seele. Schließlich kam ihm sogar der Gedanke, auch die Bäume, die er durchs Fenster zu erkennen meinte, seien nicht lebendig; und er wurde vollkommen davon überzeugt, als er feststellte, daß die Blätter sich tatsächlich nicht bewegten.
Diese Vorstellung regte Corte derart auf, daß er nach der Schwester klingelte und sich seine Brille bringen ließ, die er im Bett sonst nicht trug; erst dann gelang es ihm, sich ein wenig zu beruhigen: mit Hilfe der Gläser konnte er sich die Gewißheit verschaffen, daß es wirklich lebende Bäume waren und daß die Blätter, wenn auch nur ganz leicht, hin und wieder vom Winde bewegt wurden.
Als die Schwester hinausgegangen war, verstrich eine Viertelstunde vollkommener Stille. Sechs Stockwerke, sechs furchtbare Steinwände ragten jetzt, wenn auch auf Grund eines äußerlichen Irrtums, über Giuseppe Corte empor und lasteten auf ihm mit unglichem Gewicht. Wie viele Jahre - ja, man mußte mit ganzen Jahren rechnen - würde er benötigen, um wieder bis zum Rand dieses steilen Felsens emporzuklimmen?
Aber wieso wurde das Zimmer auf einmal so dunkel? Es war doch immer noch heller Nachmittag. Mit äußerster Anstrengung blickte Giuseppe Corte, der sich von einer seltsamen Starrheit gelahmt fühlte, nach der Uhr auf dem Nachttischchen neben dem Bett. Es war halb vier Uhr. Er drehte den Kopf auf die andere Seite und sah, daß der Rolladen, einem geheimnisvollen Befehl gehorchend, sich langsam senkte und dem Licht jeden Eintritt verschloß.

     DINO BUZZATI  *1906


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