Gestern Abend (Donnerstag, 12.02.2009) gab es in der alten Feuerwache in Mannheim einen Poetry Slam. Man soll ja zuerst was gutes Sagen. Also gut, zwei oder drei der Teilnehmer haben gute Texte gebracht. Vor allem Tilman Birr hat mich mit seiner Geschichte über Hartz IV Tourismus in Berlin gut unterhalten.
Das war es aber auch schon mit den guten Nachrichten. Vor allem die beiden weiblichen Teilnehmerinnen glänzten vor allem durch Unfähigkeit. Die Eine konnte deutsch weder sprechen noch schreiben. Man konnte höchstens über sie lachen, ich aber konnte mich nur fremdschämen. Die Andere brachte einen absolut belanglosen Text darüber, wie sie im Alltag ständig Gedichte schreiben muss und deshalb ihren Haushalt nicht geschafft bekommt. Hausfrauenlyrik at its worst. Sprachlich dabei nicht mal locker, sondern krampfhaft um Aufmerksamkeit heischend und auf pseudolyrisch getrimmt. Der einzig mögliche Kommentar dazu war: “Ich wusste nicht, dass 6 Minuten so lang sein können”.
Die männlichen Teilnehmer waren größtenteils nicht viel ansprechender. Englische Gedichte, die eigentlich nur Versatzstücke aus schlechter Musik waren, möchtegern Rapper ohne Musik und jede Menge Metatexte: Wie bekommt man ein weißes Blatt Papier schwarz, wo kommen die Dichter her (obwohl das handwerklich sehr gut umgesetzt war und gegen Ende richtig gut wurde), die mich küssende Muse ist eine Schlampe, ich schreibe weil ich muss und nicht weil ich will, und so weiter und so fort. Gleich mehrere Stücke lebten nur von Wortspielen mit rhetorischen Fachbegriffen (Stabreim, Jambus und Sonett sind sooo witzige Wörter).
Allgemein lässt sich sagen: viel krampfhaft gereimtes auf Reim-mich-oder-ich-fress-dich-Niveau. Die wenigen echten Geschichten stachen dagegen heraus und wirkten wie eine Erlösung.
Dazu kommt eine wirklich schlechte Organisation. Als Vorprogramm ein Sänger, der alle einschlafen lässt. Moderatoren, die nicht vorbereitet sind und nicht die Zähne auseinander bekommen. Zwischendurch immer wieder warten darauf, dass die Moderatoren endlich den nächsten Teilnehmer ausgelost haben oder ihnen der nächste Satz einfällt. Außerdem musste jede Abstimmung mehrfach durchgeführt werden und selbst dann waren sie bei Verkündung des Ergebnisses extrem unsicher. Auch hier jede Menge Metakommunikation: “ich fass mich dann mal kurz”, “ich komm gleich zur Sache”, “ich erklär nur kurz wie es funktioniert”. Erste Regel des guten Redens: red nicht drüber, mach es einfach! Man könnte sich viel kürzer fassen, wenn man nicht breit darüber redet, sich kurzfassen zu wollen.
Auch nehme ich es ihnen übel, dass sie offenbar die Texte / Künstler vorher überhaupt nicht geprüft haben. Bei einem Poetry Slam in einer Kneipe, der nebenbei läuft, dürfen gerne irgendwelche Spackos ihre Reime vortragen. Aber wenn ich eine Abendveranstaltung mit Eintrittsgeld mache, erwarte ich ein Mindestmaß an Unterhaltung und Qualität.
Die Feuerwache selbst darf auch gerne mal die Lüftung anmachen, wenn das Haus so voll ist. Zur ersten Pause herrschte Erstickungsgefahr.
Super reagiert hat auch das Publikum (Achtung: Ironie). Die Menschen neben mir haben bei jeder der Abstimmungen für jeden der “Künstler” applaudiert. Prinzip nicht verstanden. Überhaupt bekamen auch richtig schlechte Stücke frenetischen Applaus. Jeder der an diesem Abend für die Hausfrauenlyrik geklatscht hat, hat sich an der Menschheit schuldig gemacht. Wie soll die arme Frau denn ihre Texte realistisch einschätzen, wenn sie kein Feedback bekommt? Manche Dinge sollten ein Hobby bleiben und das müssen diese Menschen auch merken. Dabei geht es ja auch bei einem Poetry Slam.
“Im Gegensatz zu einem Open Mic oder den Lesebühnen stehen die einzelnen Teilnehmer bei einem Slam untereinander im Wettbewerb. Dieser Wettbewerbsaspekt dient vor allem dazu, das Publikum zum Mitfiebern und Mitwerten einzuladen, da das Publikum auch den Sieger kürt.
Ebenfalls ist der Wettbewerb ein effektives Mittel für die Dichter, unmittelbares Feedback von einem interessierten Publikum zu erhalten, und soll als Ansporn für die Arbeit an den eigenen Texten und am Textvortrag, nicht aber als Grund für ernsthafte Rivalitäten genommen werden.”
Quelle: Wikipedia
Kurz: Wenn die Feuerwache das regelmäßig veranstalten will und dabei auch nur ein Mindestmaß an Qualität bewahren will, wird sie dran arbeiten müssen. Bis jetzt ist die Organisation so schlecht, dass es nur durch ein paar richtig gute Künstler gerettet werden kann. Wie man es richtig macht, kann man beim Subrosa anfragen (auch wenn deren Webseite der Horror ist).
Ganz gut waren (as far as i remember): Tilman Birr, Nektarios Vlachopoulos und Philipp Scharrenberg.
Ich jedenfalls habe beschlossen ein Meta-Meta-Meta-Gedicht darüber zu schreiben: Ich schreibe ein Gedicht darüber, wie ich ein Gedicht darüber schreibe, ein Gedicht über das Schreiben zu schreiben. Vielleicht auch darüber, wie ich das Geschriebene dann vortrage.
PS: Ein Tip für den Typen mit der “Assi-Muse”: Kürzen! Der Text, um die Hälfte gekürzt und um ein paar Plattitüden bereinigt könnte eine gute witzige Zwischennummer für einen Slam werden.