Trittbrettfahrer geistiger Führung leben bequemer.
Judith von Halle über geistige Führung
Über geistige Führung in der Gegenwart sollte Judith von Halle in der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik sprechen.
Genauso mysteriös wie der Titel des Vortrages ist allerdings die Rednerin selbst:
Diese ist vor allem als Stigmatisierte bekannt, die Anspruch auf „unmittelbares Miterleben der historischen Ereignisse der Zeitenwende“ – sprich: authentischen Zugang zu den historischen Ereignissen um Jesus Christus – erhebt. In ihren Büchern beschreibt sie auf diese Weise detailliert Vorgänge aus dem Leben Jesu Christi und legt biblische Inhalte dementsprechend aus.
Bedenkt man zusätzlich die Behauptung, sie ernähre sich seit Jahren ausschließlich von Licht, entsteht die ein oder andere Frage.
Wer diese Fragen mit zum Vortrag nahm, musste sie und viele weitere wieder mit nach Hause tragen. Erläuterte Judith von Halle zunächst noch anschaulich, was unter der Fragestellung nach geistiger Führung zu verstehen sei, drifteten die Ausführungen bald in Kuriositäten ab, die sich auch mit geistiger Schau nur schwer erklären lassen.
Eine weltfremde Spinnerin sieht jedoch anders aus: Sympathisch wirkte Judith von Halle, die eigentlich Architektin ist. Statt einer schwebenden Lichtgestalt stand da ein zierliches Persönchen mit warmherziger Ausstrahlung und lachenden Augen auf der Bühne.
Nur die unauffälligen Verbände an beiden Händen gaben dem Eingeweihten Hinweis auf ihre parasinnlichen Aktivitäten. Umso mehr verwirrte das, womit diese scheinbar fest im Leben stehende Frau den Zuhörer wieder nach Hause schickte.
Geistige Führung als Anfrage an das heutige Zeitalter und an den Einzelnen vor dem Hintergrund spiritueller und ganzheitlicher Entwicklung – damit hatte sie zunächst eine interessante Frage umrissen, die nicht nur Anthroposophen bewegt.
Doch dann wurden sehr verkürzt die abenteuerlichsten Thesen aufgetischt. So verkündete Judith von Halle frei heraus, Aids sei durch den Glauben der Menschen, sie stammten vom Affen ab, entstanden. Auch Demenz sei ein Zeichen eines fehlgeleiteten Zeitgeistes und ausschließlich darauf zu begründen. Es folgten zahlreiche moralische Appelle, die zumindest erläuterungswürdig erschienen.
Wer da im größtenteils Ü-60-Publikum ans Rebellieren – oder zumindest die kritische Nachfrage – dachte, wurde jedoch gleich ausgebremst. Nachdem von Halle Christus als den wahren und einzigen Grund einer Ich-Entwicklung überhaupt identifiziert hatte, verschwand sie flugs von der Bühne. Christus, der einzige Grund für die Blutvererbung des jüdischen Volkes, habe ein völlig neues Bewusstsein etabliert, da erst durch ihn ein Individualitätsverständnis überhaupt angestoßen worden sei, so von Halle. Damit arbeitete sie Christus als den Schlüssel zu geistiger Entwicklung und Führung des individuellen Ichs heraus.
Dass sie selbst augenzwinkernd bemerkte, etwas „predigtmäßig“ rüber zu kommen, traf allerdings genau den Punkt. Ihr dezidiert christlicher Blickwinkel ist ja nun keine Überraschung. Wer sonntags in die Kirche geht, erwartet schließlich auch keine Physikvorlesung. Trotzdem wäre etwas weniger „Predigt“ und mehr Gespräch sicher bereichernd gewesen und der eigentlichen Frage nur gerecht geworden. Immerhin sollte geistige Entwicklung nicht etwas sein, das man vorgesetzt bekommt, sondern an dem man selbsttätig arbeitet.
Die einzige Anmerkung lieferte kurz und knapp Benedictus Hardorp von der Anthroposophischen Gesellschaft Mannheim und Anhänger von Halles: „Dem ist nichts hinzuzufügen“. Dann war die Vorstellung vorbei. Keine Diskussion, Nachfragen, Anmerkungen.
An mangelndem Interesse des Publikums kann das eigentlich nicht gelegen haben. Bereits Wochen vorher waren die Karten ausverkauft, einige Zuhörer über hundert Kilometer weit angereist, um zu hören, was Judith von Halle zu sagen hatte.
Oder wurde durch die Abwesenheit eines Diskurses letztlich nur eine passive Sinnsuche entlarvt, die dankbar für jede geistige Mitfahrgelegenheit ist? Die charismatische Ausstrahlung einer, die sich mit spirituellen und gesellschaftlichen Fragen beschäftigt, kann die eigene Auseinandersetzung eben nicht ersetzen. Und sich aus romantischer Bewunderung jede noch so gewagte These vorsetzen zu lassen, zeugt wenig von geistiger Autonomie. Dann jedenfalls hätte Judith von Halle gut daran getan, sich schnell zu entfernen. Dass sie selbst sich auf die Suche gemacht hat, leuchtet jenseits jeder Kritik ein. Bleibt nur zu hoffen, dass das auch für die Zuhörer gilt.
Weitere Quellen:
- Vier Jahre Nulldiät - Artikel im Spiegel
